Sieben Armprothesen für Kinder und Jugendliche in Haiti

Otto Bock Stiftung und LandsAid helfen mit vereinten Kräften

Erstmals haben Opfer des Erdbebens vom 12. Januar 2010 in Haiti in größerem Umfang Armprothesen erhalten. Junge Menschen stehen im Mittelpunkt dieses Projekts, bei dem die Otto Bock Stiftung mit der Hilfsorganisation LandsAid e.V. zusammenarbeitet. Daran anknüpfend wird jetzt nach Wegen gesucht, einzelne besonders schwierige Versorgungen in Deutschland zu ermöglichen.

Gruppenfoto der Otto Bock und LandsAid Mitarbeiter mit vier der insgesamt sieben versorgten Patienten vor der LandsAid Werkstatt in Port au Prince

Verglichen mit der Beinprothetik ist die orthopädietechnische Versorgung mit künstlichen Armen deutlich aufwändiger und komplexer. Im Auftrag der Otto Bock Stiftung machten sich Ulrich Müller und Dieter Storck, erfahrene Spezialisten der Otto Bock HealthCare, mit drei zusätzlichen Koffern für 70 Kilo Prothesenpassteile auf den Weg. Anhand der vorliegenden Patientendokumentationen hatten sie die individuellen Versorgungspläne erarbeitet und die benötigten Komponenten zusammengestellt, deren Finanzierung LandsAid übernahm.

Sie trafen an dem Tag ein, als die langersehnten Stichwahlergebnisse in Haiti bekannt gegeben wurden. „Zum Glück blieb in den Straßen alles ruhig”, berichtet Storck. Die gut ausgestattete Werkstatt hat LandsAid gemeinsam mit dem Roten Kreuz Haiti in einem freistehenden Gebäude in Port-au-Prince aufgebaut. Hier haben die beiden Orthopädie-Techniker in zwei Wochen sieben Patienten mit Armprothesen versorgt. Dabei den oftmals hohen Erwartungen an Funktionalität und ästhetischem Aussehen zu begegnen, erfordert umfangreiche Fachkenntnis und Erfahrung. Zudem stehen die Kosten und die mangelhafte Infrastruktur für den anschließenden technischen Service in einem so armen Land dem Einsatz elektronisch betriebener Prothetik entgegen.

Dieter Storck bereitet Mikerlines Oberarmstumpf für den Gipsabdruck vor

Auch wenn in der Kürze der Zeit die Techniker nicht allzu viel Persönliches über ihre Patienten erfahren konnten, war jederzeit spürbar, dass die 15 Monate zurückliegenden traumatischen Erlebnisse noch nicht verarbeitet sind. „Tränen sind so einige geflossen. Mal ist es Enttäuschung, weil sich der Patient den künstlichen Arm anders vorgestellt hat, mal ist es die Erleichterung, dass endlich nach so langer Zeit jemand da ist, der endlich die versprochene Armprothese baut”, sagt Müller.

Die Kooperationsidee war ein halbes Jahr zuvor aufgekommen, als sich LandsAid-Geschäftsführer Dirk Growe und von der Otto Bock Stiftung Karl-Heinz Burghardt und Johanna Haebler in Haiti bei der Einweihung eines Krankenhauses trafen. „Wir wollen, dass die Menschen wieder gehen, aber sich auch wieder umarmen können”, bringt Growe auf den Punkt, warum LandsAid als eine der ersten in Haiti tätigen Organisationen nach der Bein- auch die Armprothetik zum Ziel erklärte.

An ihrem ersten Einsatztag warteten auf die deutschen Armprothetik-Experten schon sichtlich gespannt drei junge Patienten in der Werkstatt. Allein deren Transport zu organisieren, ist in Haiti eine große Herausforderung, der sich LandsAid-Koordinatorin Eva Suhren stellt. Einer der ausgewählten Patienten war einfach nicht mehr auffindbar. „Aber alles in allem hatten wir Glück”, freut sich Müller. „Die Patienten waren sehr motiviert und diszipliniert. Sie kamen zu den vereinbarten Terminen.” Der straffe Zeitplan konnte ohne große Verzögerungen eingehalten werden. „Störend waren allerdings immer wieder die Stromausfälle”, räumt Storck ein.

Beide Techniker haben bei vielen internationalen Projekten mitgewirkt und kennen die Schwierigkeiten und Probleme, die in Krisenregionen auftreten. Haiti stellte sie aber vor besondere Aufgaben. So ist allein schon die Dokumentation der Versorgungen schwierig, da viele Patienten keine feste Adresse haben und immer noch mit ihrer Familie in einer der Zeltstädte leben.

Luciano probiert gerade die Funktionsregelung seiner neuen Armprothese

Der neunjährige Luciano ist einer davon. Er erwies sich als aufgeweckter Junge und verstand sofort, als ihm Müller etwas zum Umgang mit der Prothese erklärte: „Wenn du die Verriegelung löst, dann öffnet sich das Ellbogengelenk.” Luciano erhielt eine kosmetische Prothese und übte eifrig mit ihr. „Kinder und Jugendliche sehen das alles häufig viel spielerischer und unbefangener”, stellte Storck fest, als er der 14jährigen Mikerline gerade einen Gipsabdruck vom Oberarmstumpf anfertigte, um anschließend den Prothesenschaft individuell passend zu fertigen.

Sehr wichtig ist, die Patienten zur Mitarbeit auch nach der Versorgung zu motivieren. Therapeuten eines weiteren Kooperationspartners, die Magen David Adom im General Hospital in Port-au-Prince, helfen dabei, die extrem verhärtete Muskulatur wieder zu lockern. Je höher das Amputationsniveau ist, desto mehr gezieltes Training ist erforderlich. Erst wenn die richtigen Bewegungen und der richtige Umgang mit der Prothese über Wochen und Monate mit professionellen Therapeuten geübt wurden, lässt sich die Prothese optimal nutzen.

Jean Woodline beobachtet Dieter Storck bei der Einstellung ihrer neue Armprothese

Die 21jährige Mireille hat es besonders hart getroffen. Aufgrund wiederkehrender Infektionen mussten die Ärzte sieben Mal nachamputieren von einem relativ langen Unterarm-Stumpf bis aktuell zu einer Schulteramputation. „In vielen Fällen wären die Stumpfverhältnisse besser, wenn die medizinischen Bedingungen andere gewesen wären”, so Storck. Die Techniker stießen hier an die Grenzen dessen, was in Haiti geleistet werden kann. Die Otto Bock Stiftung prüft jetzt, ob die junge Frau für eine Versorgung nach Deutschland geholt werden kann und hofft dabei auch auf die Spendenbereitschaft für ihre Haiti-Hilfe.


Spendenkonten Otto Bock Stiftung:


Sparkasse Duderstadt
BLZ 260 512 60
Konto 448
IBAN DE16 2605 1260 0000 0021 21

Volksbank Eichsfeld-Northeim
BLZ 260 612 91
Konto 178 004 0
IBAN DE90 260 6 12 91 0 001 7800 40

Stichwort: „Hilfe für Haiti”


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