Erste Hoffnungsschimmer in grenzenloser Not

Karl-Heinz Burghardt und Johanna Haebler reisen für die Otto Bock Stiftung nach Haiti

Der jahrzehntelangen Armut folgt das verheerende Erdbeben im Januar 2010. Die Aufräumarbeiten werden durch Wirbelstürme und Überschwemmungen in der Regenzeit behindert. Dann bricht die Cholera aus, hunderte Menschen erkranken und sterben daran. Die Präsidentschaftswahl soll Stabilität bringen, wird aber von heftigen Unruhen überschattet. Die Lage bleibt angespannt, Haiti ist mit Katastrophen gebeutelt. Um gemeinsam mit Partnern vor Ort die nächsten Schritte der Otto Bock Stiftung zu setzen, sind Karl-Heinz Burghardt und Johanna Haebler als Leiter und Koordinatorin des Projekts „Kinder in Not – Hilfe für Haiti” in die Krisenregion gereist. Die dafür anfallenden Kosten hat das Unternehmen Otto Bock HealthCare übernommen.

Straßenbild in Port-au-Prince

Einen persönlichen Eindruck über die Versorgungssituation von Amputierten zu gewinnen und die Gesamtsituation im Land besser zu verstehen, setzte zunächst voraus, sich mit Risiken auseinanderzusetzen und zum Beispiel durch Impfungen bestmöglich vorzubeugen. So hatte gerade die Cholera begonnen, sich weiter auszubreiten. „Im Land haben uns Ärzte gesagt, dass besonders die Menschen gefährdet sind, die in schlechten hygienischen Verhältnissen leben und gesundheitlich vorgeschädigt sind”, berichtet Haebler.

Karl-Heinz-Burghardt mit Trainees.

In einer mobilen Orthopädie-Werkstatt in Léogâne, ein Projekt der Johanniter Auslandshilfe, trafen die Duderstädter sechs Trainees, die dort seit einigen Monaten angelernt werden. Die Otto Bock Stiftung will ihnen mit Stipendien ein Studium der Orthopädie-Technik ermöglichen. Qualifizierte Ausbildung kann die Versorgung im Land nachhaltig verbessern.„Als Grund für ihr Interesse an diesem Berufsweg nennen alle Kandidaten erstens, anderen helfen zu wollen, und zweitens, für sich eine sichere Zukunftsperspektive aufzubauen”, fasst Burghardt die Gespräche mit den Kandidaten im Alter von 20 bis 27 Jahren zusammen.

Die Johanniter kooperieren mit Otto Bock. In ihrem Versorgungscamp in Léogâne, wo das Epizentrum des Erdbebens lag, wurde einer Vielzahl von Amputierten bereits mit Beinprothesen geholfen. „Circa 200 stehen zurzeit noch auf der Warteliste”, erzählt Haebler. Neben der mobilen Orthopädie-Werkstatt versammeln sich Haitianer unter einem schattenspendenden Baum. Was nach Idylle aussieht, beeindruckte wenig später als professioneller Therapiebereich Open Air: „Dort herrscht eine sehr bewegende Atmosphäre. Menschen teilen sich mit, die alles verloren haben, und werden physisch wie psychisch von gut ausgebildeten Personen betreut.”

Hoffnungsschimmer in einem Land, in dem die Rückkehr zu einer Art Normalität derzeit nicht viel mehr bedeutet, als sich mit den Folgen der Katastrophe einzurichten. „Die Straßen sind voll, schmutzig und laut. Es herrscht ein Verkehrschaos. Unheimlich viele fliegende Händler versuchen, alles Mögliche zu verkaufen. Jeder versucht, irgendwie durchzukommen”, fasst Haebler ihre Eindrücke zusammen. Hunderttausende leben in provisorischen Flüchtlingscamps oder auf der Straße – ohne fließendes Wasser oder sanitäre Anlagen. Viel Schutt ist geräumt, aber zahllose Ruinen stehen noch genau so da wie am ersten Tag nach dem Beben.

Zeltstadt in Port-au-Prince

„Die Hilfsprogramme laufen”, berichtet Burghardt. „Aber es ist nicht zu übersehen, dass hier nachhaltige Konzepte und sehr, sehr viel Geduld gefordert sind.” Rund 1,5 Millionen Menschen leben in Zeltstädten, die größte hat weit über 50.000 Bewohner. So befremdlich es klingen mag: Für manchen ist diese Situation sogar eine Verbesserung. „Obdachlose, die vor dem Erdbeben auf der Straße lebten, die Rede ist von 300.000-500.000, haben jetzt wenigstens ein Zeltdach über dem Kopf.”

In einigen Zeltstädten wurden mobile Krankenstationen geschaffen. „Aber viele Haitianer wissen gar nicht, was für sie bereits geschaffen wurde und suchen viel zu spät ärztliche Hilfe”, so Haebler. Der Mangel an Information hat auch mit der Analphabetenrate zu tun, die auf 50 Prozent geschätzt wird. Bildung ist durch das Schulgeld für die Armen zu teuer.

Von den Hilfsorganisationen, die vor Ort sind, kümmert sich derzeit eine Vielzahl um prothetische und orthetische Versorgungen. Der Kontakt zu Otto Bock und zur Otto Bock Stiftung ist bei ihnen gefragt. Soforthilfe in der Not. Aber der wirkliche Aufbau des Landes steht immer noch am Anfang. „Dabei will und wird die Otto Bock Stiftung sich einbringen”, versichert Burghardt. „Der Bedarf an allem ist noch riesig.”

Wieder tanzen

Georg Exantus

Eine der Begegnungen, die Mut machen können, ist die mit dem 28-jährigen Profi-Salsa-Tänzers Georg Exantus. „Wir haben ihn während der Neueröffnung eines Rehabilitationszentrums und dann bei Eröffnung einer weiteren Orthopädiewerkstatt kennengelernt”, erzählt Haebler. Ihm musste nach dem Erdbeben ein Unterschenkel amputiert werden. Die Ärzte des Rehabilitationszentrums fragten bei Otto Bock nach einem bestimmten Prothesenfuß, den das Unternehmen daraufhin gestiftet hat. „Georg konnte damit in seinen Beruf zurückkehren und hat wieder mit dem Tanzen begonnen.”

„Gezielte Sponsoring Anfragen für Patientenversorgungen ziehen wir auch weiterhin in Erwägung”, versichert Burghardt. Dies war erstmals im April geschehen, als die Otto Bock HealthCare Harry Zenner, einen auslandserfahrenen Orthopädie-Techniker, für vier Wochen nach Haiti entsandte. „Es gibt Kinder, die auf eine Prothese schon seit Monaten warten. Dies möchten wir gerne in Angriff nehmen und mit unseren Kontakten in der Hauptstadt koordinieren und weiter verfolgen. Wir sind den Spendern dankbar, die uns auf diesem Weg unterstützen.”


Spendenkonten Otto Bock Stiftung:


Sparkasse Duderstadt
BLZ 260 512 60
Konto 448
IBAN DE16 2605 1260 0000 0021 21

Volksbank Eichsfeld-Northeim
BLZ 260 612 91
Konto 178 004 0
IBAN DE90 2606 1291 0001 7800 40

Stichwort: „Hilfe für Haiti”


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